»Marlen Schachinger-Pusiols Landschaften in Schalen ist kein Roman, der sich liest wie ein Strom, eher einer, der sich tastend erschließt, wie ein Garten, dessen Wege nicht angelegt, sondern gewachsen sind. Wer ihn betritt, muss bereit sein, Umwege zu gehen, stehen zu bleiben, erneut hinzusehen.
Schon der Titel ist Programm: „Schalen“ sind hier keine bloßen Gefäße, sondern Denkfiguren. In ihnen lagern Welten, begrenzt, arrangiert, gepflegt oder vernachlässigt. Die Autorin überträgt dieses Bild auf Gesellschaften, Beziehungen und politische Systeme. Was wie ein ästhetisches Motiv beginnt, entfaltet sich als präzise Metapher für unsere Gegenwart. Abgeschlossene Räume, in denen Macht, Sprache und Wahrnehmung zirkulieren. Dass diese Schalen nicht hermetisch sind, sondern Risse haben, durch die Realität eindringt, macht den Roman so gegenwärtig.
Im Zentrum steht Viktor, ein Journalist aus Wien, dessen Reise nach Kuba zunächst wie eine klassische literarische Bewegung anmutet: Aufbruch, Begegnung, Erkenntnis. Doch Schachinger-Pusiol unterläuft diese Erwartung konsequent. Kuba ist hier keine exotische Projektionsfläche, sondern ein Spiegelraum, in dem sich europäische Selbstgewissheiten brechen. Die Begegnung mit Benita, die nicht nur Gastgeberin, sondern intellektuelles Gegenüber ist, verschiebt die Perspektive weiter. Viktor wird zum Beobachteten, seine journalistische Haltung zum Gegenstand der Befragung.
Besonders eindrucksvoll ist, wie Schachinger-Pusiol Sprache inszeniert. Dialoge im kubanischen Spanisch erscheinen nicht als folkloristische Einsprengsel, sondern als eigenständige Klangräume. Sie tragen Rhythmus, Tempo und eine andere Art des Denkens in den Text hinein. Die Autorin vertraut darauf, dass Bedeutung sich nicht allein semantisch erschließt, sondern auch musikalisch, über Tonfall, Wiederholung, Bewegung. Diese Mehrsprachigkeit ein ästhetisches Risiko, das aufgeht, weil es konsequent durchgehalten wird.
Gleichzeitig ist der Roman eine stille, aber unübersehbare Abrechnung mit dem Zustand der Medien. Viktors spätere berufliche Ernüchterung, die schleichende Entwertung von Sprache zugunsten von Auflage und Aufmerksamkeit, wird jedoch nicht als plakativer Kulturpessimismus inszeniert, sondern als langsames Austrocknen. Der Journalist „vertrocknet“ im System, so wie eine Pflanze in einer zu engen Schale. Hier schließt sich das Bild: Die Gefäße, die einst Schutz boten, werden zu Begrenzungen.
Was diesen Roman besonders macht, ist seine Struktur. Perspektiven überlagern sich, eine auktoriale Stimme tritt hervor, zieht sich zurück, kommentiert, widerspricht. Es entsteht ein Geflecht, das eher an ein Biotop erinnert als an eine lineare Erzählung. Natur und Politik, Privates und Öffentliches, Sprache und Macht – alles ist miteinander verwoben. Diese Komplexität fordert Aufmerksamkeit. Ein beiläufiges Lesen verfehlt den Text.
Und doch bleibt Landschaften in Schalen erstaunlich sinnlich. Die Bilder, die Glasscheibe, die zwei Welten trennt, die Schlaglöcher vor der Tür, die Poollandschaften dahinter, sind von einer Klarheit, die sich einprägt. Schachinger-Pusiol gelingt es, abstrakte Fragen nach Demokratie, Korruption und gesellschaftlichem Zusammenleben in konkrete Wahrnehmungen zu übersetzen. Gerade dadurch gewinnen sie Gewicht.
Am Ende ist dieser Roman weniger eine Erzählung über Kuba oder den Journalismus als eine über Wahrnehmung selbst: darüber, wie wir Wirklichkeit ordnen, begrenzen, deuten. Schachinger zeigt, dass jede Ordnung eine Setzung ist und dass es sich lohnt, ihre Ränder zu erkunden.«
(Barbara E. Seidl-Reutz, Litrobona)
»Ein herausragender Roman, in dem man eine Menge über aktuelle Vorgänge in Konferenzzimmern, bei Verlagen und in Redaktionen erfährt, durch den man aber auch mit den Bedeutungsvarianten des kubanischen Spanisch vertraut gemacht wird. Die lebendige, authentische Erzählweise der Autorin, einer in Braunau geborenen promovierten Literaturwissenschafterin, die im Buchhandel arbeitete und nun selbst einen Verlag leitet, reißt Lesende mit […]. Dieser großartige Roman schildert in selten authentischer Weise ein ganz anderes Kuba, als es Touristen zu kennen glauben. Die Autorin erweist sich nicht nur als Meisterin im Erzählen lokaler Details und im Zeichnen authentischer Charaktere, sondern sie lässt Lesende überdies Dialoge in Originalsprache miterleben, was von ihrer profunden Land-und-Leute-Kenntnis und ihren sprachlichen Erfahrungen als Übersetzerin ins Spanische zeugt. Notwendige Erläuterungen flicht sie dabei so geschickt in die Syntax ein, dass sie weder den lateinamerikanisch anmutenden Wahrnehmungsfluss noch den für Lateinamerikas Spanisch so typisch vorwärtsdrängenden Sprechrhythmus stören. Über den gesamten Kuba-Block hinweg klingt ihre für das Lese-Verständnis notwendige Zweisprachigkeit nicht weniger cool als die Satzmelodie des originalen kubanischen Spanisch.«
(Wolfgang Kauer: Dorfzeitung – Dorf ist überall.)
»Landschaften in Schalen«: So heißt der kürzlich erschienene Roman der gebürtigen Braunauer Autorin Marlen Schachinger-Pusiol. Dieses Buch entführt die Lesenden nach Kuba, zum ernüchternden journalistischen Alltag des Protagonisten Viktor und den Gedanken einer Autorin, um nur einige Aspekte zu nennen.
Silvana Steinbacher spricht mit Marlen Schachinger-Pusiol natürlich über ihren neuen Roman, aber auch über den Zustand unserer Demokratie - ein wesentliches Thema des Romans - sowie über Gesellschaft und Politik:
https://www.dorftv.at/video/46851